Parkour ohne Sehen und Hören?!

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Ein Einblick in die Möglichkeiten mit Parkour zu unterrichten – Erfahrungen.

Der folgende Artikel mit nebenstehendem Interview ist aus einem Privattraining mit einer Klientin entstanden. Ich möchte an dieser Stelle meinen Dank für die Bereitschaft zum Interview ausdrücken und meine Hochachtung vor dem was M. in ihrem täglichen Leben leistet. Der Artikel findet sich hier auch auf Englisch: https://www.we-trace.at/2018/11/22/novision_nohearing_parkour

Intro

Als M. 10 Jahre alt war, verlor sie über einen Zeitraum von ca. 3 Jahren allmählich ihren Sehsinn. Mehrere Jahre danach verlor sie ihren Hörsinn. M. ist 25 Jahre alt, studiert Recht und kam mit dem Wunsch Parkour auszuprobieren auf mich zu.

Vorbereitung

Die größte Herausforderung war Kommunikation. Wie verständigt man sich, wenn man weder sprechen noch (vor-)zeigen kann? Wie gibt man als Coach das richtige Feedback? Ich wusste, dass man einfache Wörter in M.´s Hand schreiben kann, aber diese Kommunikationsform hat deutliche Grenzen. Um M. bestmöglich auf das kommende Training vorzubereiten, entschloss ich eine Grobfassung meines Trainingsplanes zu verschriftlichen. So sollte sichergestellt werden, dass M. weiß worauf sie sich einlassen wird. In schriftlicher Form kann M. mit der Hilfe einer speziellen Tastatur Braille am Computer lesen. Während des Trainings würde ich mich auf Berührungen und Ein-Wort-inputs in M.´s Handfläche verlassen.

Session

Das Training wurde in 3-4 Teilen geplant:

Balance

Wer schon einmal probiert hat auf einem Bein zu stehen und dann seine Augen zu schließen, weiß wie schwer das ist. Für M. ist der Verzicht auf den Sehsinn und damit die stark erhöhte Schwierigkeit der Balance Realität. Diese Situationen aktiv zu trainieren war eines meiner Ziele. Wir gingen zu einem bekannten Spot, der aus einer großen Kreisformation aus ca. 3 Fuß langen Stangen besteht, die in Abständen von jeweils ca. 1 Fuß zueinander stehen. Das Stehen auf der Stange unter Zuhilfenahme beider meiner Hände war schnell gemeistert. Nach und nach bekam M. das Selbstbewusstsein mehrere Schritte zu setzen, auch wenn das mit den „Löchern“ im geplanten Weg schwierig war. Die Veränderung der Hilfestellung erhöhte den Schwierigkeitsgrad zudem erneut, als ich mich zur Seite bewegte und eine Hand entfernte. Über die Übung hinweg etablierte sich außerdem eine Art Warnzeichen, ein doppeltes kurzes Drücken beider Hände, um M. auf einen nahenden Spalt (also das Ende eines Stangenelementes) hinzuweisen. Dieses Zeichen sollte sich über den Rest des Trainings bewähren.

Räumliche Wahrnehmung I und Erinnerungsvermögen

Ein Spot, der aus 6-8 Betonelementen bestand, formte einen kleinen abgeschlossenen Bereich. Nicht größer als ein 5x5Meter Wohnzimmer. In diesem Bereich, den wir zuerst behutsam erkundeten, legte ich M. Routen vor, die sie gegen Ende der Übung hin selbstständig wiederholen sollte. Durch das anfängliche Erkunden und vertraut werden mit dem Spot, wusste M. sehr schell über jede Unebenheit und jede Mauer Bescheid. Nachdem ich anfangs vorausgegangen war, überließ ich ab einem gewissen Zeitpunkt M. die Navigation durch den kleinen Bereich. Dabei wiederholte sie Routen, die wir zuvor gemeinsam begangen sind. Manchmal führten diese Routen auch über Mauern, die sie wie von selbst unter Anwendung von kontrollierten Step-Vaults hinter sich ließ. Bei dieser Übung kam schnell zum Vorschein, dass M. über ein starkes Erinnerungsvermögen und eine geschulte Raumwahrnehmung verfügt, denn auch ich hatte in der Vorbereitung der Session an mir selbst getestet, wie es ist, ohne Sehsinn die geplanten Routen zu gehen.

Räumliche Wahrnehmung II

Auf einem ca. 40cm breiten Mauersims, der in verschiedenen Höhen um ein Baumbeet gelegt wurde, sollte M. selbstständig um den Baum navigieren, ohne von dem Sims zu fallen. Dabei war der Fokus auf die Nutzung der eigenen Füße als Tastorgan zum Erkennen der Ecken und Kanten und somit dem Vermeiden eines Falls. Die meisten Blinden (meine Beobachtung) verlassen sich eher auf Hilfsmittel wie den Blindenstock oder die eigenen Hände. Die Füße spielen dabei eine eher nebensächliche Rolle. Für M. war das Vortasten mit den Füßen anfänglich schwierig, da das Gewicht meist auf der Ferse platziert war. Somit war ein Herantasten an den Untergrund ohne gleichzeitig das Gewicht auf den tastenden Fuß zu geben schwierig. Für Parkourtrainierende ist es normal, sich auf den Fußballen zu bewegen, und auch jene Parkourleute mit denen ich eine ähnliche Übung gemacht habe, nutzten ihre Fußballen zum Tasten ohne das Gewicht auf den tastenden Fuß zu geben. Erst wenn die Zone vor dem Fuß als sicher erachtet/ertastet wurde, wird der Schritt gesetzt und der Prozess wiederholt. Ich hoffe, dass diese Übung zur Meisterung des Alltags von M. relevant war.

Krafttraining

Der letzte Teil der Session war anstrengend. In einer geraden Linie wurden 4 Mauern nach unten überwunden um sich danach wieder nach oben zu kämpfen. Für jemanden, der sich meist auf flachem Terrain bewegt eine schwierige Aufgabe. Ich hoffe jedoch, dass das Überwinden dieser Mauern einen Beitrag zu einem stärkeren Selbstbewusstsein geleistet hat, vor allem wenn es darum geht zu evaluieren wozu man selbst in der Lage ist.

Interview

Kannst du uns kurz etwas zu deinem Krankheitsverlauf erzählen? Meines Wissens nach warst du bis zu deinem 10. Lebensjahr gesund? Was ist passiert?

Bei mir wurde in frühester Kindheit Retinitis pigmentosa festgestellt (heißt inzwischen anders). Laut Erzählungen bin ich schon mit vier Jahren durch die Gegend gestolpert, habe Hindernisse nicht wahrgenommen etc. Unsere jüngste Vermutung ist, dass die Erkrankung durch eine schief gegangene Impfung verursacht wurde. Ich habe das alles aber am Anfang gar nicht so wahrgenommen und mir auch nichts weiter gedacht, obwohl ich mit zunehmender Verschlechterung immer verängstigter gewesen sein dürfte. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, dass ich im Sommer auf der Straße sitze und Ameisen beobachte – ich konnte sie praktisch zählen. Oder wenn ich abends zu meinen Großeltern gefahren bin, führte der Weg an einer Kirche vorbei, die abends/nachts immer beleuchtet war. Dass ich das alles dann nach und nach nicht mehr sehen konnte, war schon verstörend. Und doch hat mein Gehirn viele dieser Erinnerungen abgespeichert – so als hätte es schon damals gewusst, dass mir irgendwann nichts anderes mehr bleibt als die Erinnerungen.

Bis zu meinem 10. Lebensjahr konnte ich noch vergleichsweise gut sehen, obwohl es natürlich schon damals ziemlich schlecht war. Aber immerhin hatte ich noch einen Sehtest und konnte verschwommen Umrisse ausmachen und sogar noch mit der normalen Schrift arbeiten. Aber ein Jahr später ging das alles dann nicht mehr und ich musste anfangen, die Brailleschrift zu lernen (was mir ziemlich leicht gefallen sein dürfte). Ich frage mich manchmal, ob es an der Tatsache liegt, dass meine Augen nicht mehr “trainiert” wurden, sobald ich begonnen habe, die Brailleschrift zu lernen, und deshalb die Sehkraft dann relativ schnell nachgelassen hat.

Soweit ich das verstanden habe, gehört die Hörschwäche zur Krankheit. Die hat sich allerdings deutlich langsamer verschlechtert. Der große Hörsturz kam erst 2011.

Wie bist du auf die Idee gekommen Parkour auszuprobieren?

Tatsächlich übers Internet. Ich bin rein zufällig auf einer Seite darüber gestolpert und war sofort fasziniert, habe dann einiges darüber gelesen und immer mehr den Wunsch gefasst, das selbst einmal auszuprobieren. Ich hatte aber lange Zeit nicht wirklich Hoffnung, dass das überhaupt gehen könnte, habe mich dann aber doch mal einer Freundin damit anvertraut und so kam dann eines zum anderen. Ich habe im Mai einmal kurz bei einem Bekannten dieser Freundin reingeschnuppert und später dann den Link zu eurer Homepage erhalten.

Welche Erwartungen hattest du an dein erstes Parkour Training?

Ehrlich gesagt bin ich eher ohne große Erwartungen an die Sache herangegangen. Wie schon erwähnt, war ich eher skeptisch, weil ich nicht wusste, ob das überhaupt klappen kann. Aber ich muss sagen, dass ich hinterher mehr als zufrieden und auch erleichtert war, dass es dann doch so gut funktioniert hat.

Welchen Eindruck hattest du von deinem ersten Training?

Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mich ständig wiederhole 🙂 Wie gesagt, ich war überrascht, dass es so gut funktioniert hat. Es waren beispielsweise nicht die besten Wetterverhältnisse, aber das habe ich während des Trainings kaum wahrgenommen. Ich war konzentriert und ganz bei der Sache, konnte für 1,5 Stunden komplett abschalten und einfach im Moment leben. Das ist im Alltag eher schwierig, daher habe ich die Zeit wirklich sehr genossen. Klar, mit der Kommunikation ist es etwas schwierig und sicher nicht leicht, alles so zu machen, wie es sein sollte. Aber ich denke, mit der Zeit würde sich das immer besser einspielen.

Gibt es irgendetwas was du sagen möchtest?

Ich hoffe, dass ich Parkour ab jetzt möglichst regelmäßig machen kann. Es hat mich einfach gepackt und ich würde mich freuen, wenn das ein Hobby werden könnte, das ich neben meinem Studium regelmäßig betreiben kann. Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar, dass mir diese Chance auf das erste Training gegeben wurde. DANKE dafür!