Seit ich 2004 in Linz Parkour zu trainieren begonnen habe, war es mein Traum die Donau über eine der 3 Linzer Brücken zu überqueren. Also oben über die Brücke… Die Eisenbahnbrücke war immer ein Traum von mir, da es machbar ausgesehen hatte. Mehrere Gründe sprachen jedoch bis 2016 dagegen. Die Brücke war befahren. Ich würde nicht nur mich gefährden, sondern auch andere Menschen. 2. Die Stromleitungen für den raren Güterverkehr machen das Vorhaben unberechenbar, denn die gedachten Kletterrouten führen sehr nahe daran vorbei. D.h. falls sich daran nichts geändert hätte, hätte ich diese Überquerung nie in Erwägung gezogen. Es hätte mir genügt zu wissen, es ist technisch und physisch für mich möglich.

2016 wurde die Brücke gesperrt, um schrittweise abgetragen zu werden. Die beiden Gründe die gegen eine geplante Überquerung gesprochen haben, hatten sich in kürzester Zeit in Luft aufgelöst? Bin ich bereit zu tun, was ich mir so bildlich vorgestellt habe?  Ich hatte den Abriss-Prozess Wochen lang beobachtet. Die Fahrbahn wurde aufgestemmt, der Strom wurde offensichtlich abgedreht, denn die Leitungen wurden gekappt, der Verkehr wurde eingestellt, die Brücke wurde abgesperrt.

Und es würde nicht mehr lange dauern, dann würde an einer der beiden Seiten die physische Verbindung der Fahrbahn zum Ufer gekappt,… für immer.

Über verlassene Brücken bin ich im Schutz der Nacht in London und anderen Städten Europas bereits gegangen, habe in Marathonsessions, die wir Night Missions nennen, nach 6 bis 7 stündiger körperlicher und geistiger Belastung immer noch technisch schwierige Routen unter, auf und über diverse Strukturen geklettert. Die Basis für das Vorhaben war da.

Ich wollte diese einmalige Chance nicht verstreichen lassen, denn für mich stellt Parkour eine Trainingsmtehode dar um köprerlich und geistig stärker zu werden. Wenn ich mich nur in meiner Comfortzone bewegen würde und diese Challenge nicht wahrnehmen würde, wäre jenes Credo nach dem ich seit mehr als 15 Jahren trainiere nicht gelebt. Die Entscheidung war gefallen.

Eine Überkletterung einer Brücke ist keine Alltäglichkeit. Es ist eine selbst gewählte Ausnahmesituation. Und ja, es ist potentiell risikoreich, aber es ist nicht automatisch gefährlich dadurch. Was heißt das? Die Konsequenzen eines Fehlers in diesen Höhen sind real. Das Risiko ist vorhanden, die tatsächliche Gefahr derer ich gewillt bin mich auszusetzen ist sehr gering. Wenn Außenstehende Parkour beobachten setzen sie Gefahr und Risiko gleich, ein Imageproblem bzw. ein generelles Problem unseres Denkens.

Vorbereitung. Ich brauchte eine detaillierte Route. Zumindest so gut das möglich war. Das bedeutete einen Weg durch die Absprerrungen zu finden. Und einen “sicheren” Weg auf die Brücke auszumachen, aber auch wieder runter.

Und ich wollte das nicht alleine machen. Ein Sturz in die Donau, ohne dass es wer mitbekommt, nicht gut. Außerdem musste der Zeitpunkt gut gewählt werden. Über die Wochen habe ich die Brücke immer wieder besucht. Ich habe den Abriss-Prozess mitverfolgt und gleichzeitig meine Optionen abgewogen. Jedenfalls konnte ich bereits erste potentielle Aufstiegspunkte orten und somit einen Teil der Route planen. Der Abstieg war jedoch nicht planbar, weil nicht zugänglich. So blieb mir im worst case nur die Option, als Ausstieg jenen Weg zu nehmen, den ich als Einstieg benutzt hätte. Suboptimal, aber ok. Das Routenproblem war soweit möglich gelöst. Das Problem bei der Planung war, dass man nichts testen konnte. D.h. wie verhält sich das Material? Sind die geplanten Tritte stabil? Sind die Griffabstände in Ordnung oder zu weit gedacht? Das muss man leider immer vor Ort begutachten. Im schlimmsten Fall bricht man die Aktion ab, was übrigens oft schwieriger ist als blind durchzuziehen. Es schmerzt vor allem dem Ego, dem größten Feind in solchen Situationen.

Bild1

Bezüglich des Wochentages war ich limitiert. Es musste ein Freitag oder Samstag sein, was eher schlecht ist. Das sind Tage an denen die Leute in meinem Alter Abends unterwegs sind. An denen auch die Polizei mit Troubles rechnet. Aber vielleicht lag der Fokus der Exekutive eher im Schmelztiegel der Linzer Altstadt als im Dunkel der unbeleuchteten Linzer Eisenbahnbrücke. Ich hoffte es. Aber auch mit der Eventualität entdeckt zu werden musste ich rechnen. Ich hätte mich gestellt und hätte versucht meine Beweggründe zu erklären. Die Aktion ist nicht legal, aber sie sollte meiner Auffassung auch nicht kriminalisiert werden. Die Überfüllung unserer Lebenswelt mit sinnlosen Warnschildern (Vogelkäfig bitte nicht auf den Ölofen stellen – true story) und die Lenkung unserer Handlungen in ganz fixe Bahnen verachte ich ebenso wie die Privatisierung des öffentlichen Raumes in anderen Ländern. Manchmal ist es gut aus der Norm zu fallen, bzw. ganz bewusst, auszutreten.

Zur Uhrzeit: Solche Aktionen möchte man setzen, wenn möglichst wenig Menschen wach sind. D.h. idealerweise zwischen 02:00 und 05:00. Ich möchte niemandem das Gefühl vermitteln das wäre leicht. Deshalb mache ich so etwas idealerweise mit möglichst wenig potentiellen Beobachtern. Ich filme diese Dinge nicht. Ich fotografiere sie nicht. Hier liegt übrigens der entscheidende Unterschied zur Roofing Szene, zu Krankletterern, zu den Todesfällen von Jugendlichen, von denen man von zeit zu Zeit leider liest (Stichwort – Ego). Der Fokus liegt auf der Aktion, nicht auf der Inszenierung der Aktion.

Die Route war so gut es geht geplant. Zeitpunkt und Wochentag standen fest. Ein paar Tage vor der Aktion habe ich einen guten Freund von mir gebeten, ob er dabei sein könnte. Ob er vom bekannten Linzer Skatepark ein Auge mit dem Fernglas auf mich werfen könnte. Ich bat ihn, die Rettung und Polizei zu rufen sollte etwas schief gehen. Wenn man sich in Situationen wie diese begibt, denkt man auch an seine Familie. Was ist wenn? Das ist eine schmerzliche Frage, aber sie nicht zu stellen wäre unverantwortlich. Alles was ich in Anbetracht dessen tun konnte, war einen guten Freund zu bitten die Einsatzkräfte zu alarmieren. Er war gebrieft.

Was mir spontan am Tag X noch eingefallen ist, war einen Linzer Parkour Kollegen zu kontaktieren, der zwar schon einige Jahre nicht mehr aktiv trainiert, dessen Talent und geistige Stärke mich jedoch immer beeindruckt haben. Gemeinsam mit einem ebenso so erfahrenen Traceur (=ein Parkourausübender)  lassen sich eventuelle Risiken weiter minimieren. Außerdem wusste ich, er würde gerne bei dieser Aktion dabei sein und er war einer von sehr wenigen Personen, denen ich so etwas ruhigen Gewissens zutrauen konnte.

Der Tag näherte sich. Das Wetter war gut. Die Voraussetzungen perfekt. Um 02:00 war Treffpunkt am Urfahranermarktgelände. Letzte Vorbesprechung, alle kennen ihre Rollen.

Am Weg zur Brücke kamen uns Leute entgegen, ungewöhnlich. Aber ok. Der Skatepark war leer, die Position für meinen Freund war gefunden, er war ready (danke nochmals – war sicher langweilig für Dich).

Überkletterung

Der Kollege und ich nähern uns der Brücke, meine Idee zum Umgehen der Absperrung lag darin, von unterhalb der Brücke auf die Fahrbahnebene zu klettern. Ob sich die blechernen Metallrohre, auf denen mein Aufstieg geplant war, verbiegen oder nicht, dürfte ob des geplanten Abrisses eher vernachlässigbar sein. Normalerweise bin ich erpicht darauf nichts zu beschädigen, auch weil dadurch in anderen Ländern aus dem Tatbestand des “Trespassing” (keine “criminal offence”) schnell “breaking and entering” werden kann, die ein tatsächliches Verbrechen darstellt. D.h. wenn auch nur die Gefahr besteht eine Blechabdeckung einzudrücken ist das bereits ein Show Stopper für mich. In diesem Fall nicht, wobei wir letzten Endes sowieso nichts beschädigt haben.

Wir befinden uns also frontal vor der Brücke, die erste Hürde ist geschafft. Als nächstes kommt der Aufstieg zum Level  1. Ein ca. 10 Meter langer und 3 Meter hoher erster Weg, den wir erklimmen müssen. [siehe Bild1] Das zählt noch zum einfachen Teil, denn diese Ebene ist erst meine Verbindung zum niedrigsten Teil des ersten Brückenbogens von dreien, die wir überqueren möchten. Sich dort hinzubewegen war relativ einfach. Schwieriger war das Klettern auf den ersten Bogen.  Das Problem ist, dass der X-förmige Stahlträger durch die angebrachte Abdeckung technisch sehr schwer kletterbar wurde. Somit hatte ich 2 Optionen. 1. rundherum klettern und seitlich hoch, das ging jedoch nicht, weil am oberen Ende der Stahlträger sehr dick und nicht greifbar war (ja, ich habe es an Ort und Stelle probiert). 2. eine Kraftaktion mit schwerem Klettergrad, ungesichert und auf Höhe. Und noch viel schwerwiegender: der Weg zurück ist um ein Vielfaches gefährlicher als der Aufstieg. Ich habe mich dafür entschieden und bin vorgeklettert. Drei oder vier Griffe waren es, bis ich in die Hängeposition kam von der aus wir hochplanchen konnten (Planche = aus der hängenden Position mit Muskelkraft in die Stützposition ziehen).

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Nach der Aktion selbst wusste ich, dass ich diesen Weg auf keinen Fall retour gehen werde. Und das bereitete mir etwas Unbehagen, weil somit mein Abstieg ernsthaft gefährdet war. Ich entschied, mich später um das Problem zu kümmern. Jetzt liegt ersteinmal die Brücke vor uns. Wir waren angekommen.

Der Brückenbogen selbst war ca. 3 – 4 Fußsohlen breit und mit herausstehenden runden, faustgroßen Nietenköpfen gepflastert, super für die Trittfestigkeit… nicht. Die grüne Beschichtung des Bogens war griffig, die Taubenexkremente darauf ganz und gar nicht. Wir haben also einen eher breiten und von der Rutschfestigkeit unberechenbaren und vor Allem unebenen Boden vor uns, der auf beiden Seiten von einem Abgrund begleitet wird, der tödlich ist.

Yay!

Den ersten Brückenbogen konnte ich nur in QM kriechend überqueren, während mein Kollege flanierend über den Balken schwebte, als ob er gerade spazieren gehen würde. Am Ende des ersten Bogens angekommen, gab es das erste Problem. Um weiterzukommen war es notwendig einen großen Schritt, vielleicht sogar einen Sprung anzusetzen, um zur anderen Seite zu kommen. [siehe  Bild2]

Für Parkourausübende ist das Springen und Landen auf kleinen Flächen die Norm. Jedoch nicht im Dunkeln, auf rutschigem Boden, mit null Fehlertoleranz (weil Tod) und auf geneigten Flächen. Denn ja, die Landefläche war pyramidenförmig angeordnet. In der Mitte ein Spitz, von dem sich sie Flächen zu den Seiten neigten. Das Quadrat hatte die Größe eines Tellers. Was tun?

Bild2

Der Sprung war mit genug Selbstvertrauen einfach, jedoch nur wenn man einen kühlen Kopf bewahrt. Hier in Panik zu geraten ist wortwörtlich einfach tödlich. Mein Kollege hat den Sprung zuerst gemacht und hat mir dann die nötige Info gegeben, die ich brauchte, um ihn gut berechnen zu können.

Eines solltest Du nämlich an dieser Stelle noch von mir wissen. Aufgrund des Gesundheitszustandes meiner Augen (angeborenes Schielen und angeborene Weitsichtigkeit) sehe ich kein 3D (also kein räumliches Sehen). Habe ich nie, werde ich nie. Auch nicht, wenn man mir diese in den 90er Jahren trendig gewordenen Bücher mit den verschwommenen Mustern vors Gesicht knallt. Denn nein, ich sehe hier kein Flusspferd. Und nein, die 14 Euro für einen 3D Kino-Film zahlen sich nicht aus für mich. Ich setze mir die Brille über meine eigentliche Brille nur auf, weil ich so normal sehen kann, ansonsten wäre es verschwommen.

Das heißt aber auch, dass ich Sprünge, die ich nicht kenne, viel schwerer einschätzen kann. Dass ich Sprünge, die ich in Parkour zum ersten Mal mache nur sehr selten sticke (das heißt auf der Landefläche ohne Ausgleichsbewegung stehen bleibe). Mein Hirn muss Distanzen erst kennen lernen, um danach berechnen zu können, wie weit etwas weg ist. Das ist natürlich blöd, wenn man sich einen Sprung nicht automatisch von allen Winkeln ansehen kann und auch nicht gefahrlos antesten kann.  Die Info von meinem Kollegen hat mir geholfen, einige dieser notwendigen Informationen zu ersetzen. Der Schwierigkeitsgrad des Sprunges war leicht, ebenso die Distanz. Go for it – lautet die Devise und ich habs gemacht.

Den zweiten Brückenbogen bin ich aufrecht gegangen, nachdem ich mir selbst versichert hatte, dass ich hunderte Meter weit auf fingerbreiten Stangen gehen kann und mich endlich einmal zusammenreißen muss. Aufrecht gehen ist außerdem sicherer als in QM zu kriechen, was kraftmäßig ein Wahnsinn ist über die Distanz.

Ein unangenehmer Aspekt der Brückenbögen war außerdem der Neigungswinkel. Zu Beginn der Bögen ging es bergauf, was angenehm ist. Die 2. Hälfte des Weges ging es jedoch bergab, wo sich jeder Taubenkotfleck wie eine potentielle Landmiene anfühlt, auf der man nicht ausrutschen möchte /darf. Zu Beginn des 3. Brückenbogens wartete eine Überraschung. Ich hörte Schritte, laute Schritte.

Ich drehe mich um und sehe mitten auf der Brücke, am Anfang ebenjener, einen Bauarbeiter. Gelber Helm, flotter Gang. Ohje. Sie haben uns erwischt.

Er kommt direkt auf uns zu. Hlft nichts, jetzt gehen wir mal sicher runter und dann schauen wir weiter. Wir wussten ja worauf wir uns einlassen. Wir warten geduldig bis der Arbeiter uns anspricht, er nähert sich. Je näher er kommt, desto klarer wird das Bild von ihm. Ich sehe ihn endlich deutlich und muss verwirrt feststellen, dass der von mir vermutete Helm bloß blonde Haare sind. Dass der vermeintliche Bauarbeiter lediglich ein angetrunkener Heimgeher vom Fortgehen ist, dass der Wappler so dermaßen laut ist, weil er im trunkenen Zustand überall anläuft. Er hat uns nicht bemerkt. 13 Meter über ihm sitzen wir auf einem Stahlträger und sehen ihm zu wie er sich seinen Weg von Urfahr nach Linz Stadt bahnt, über die Brücke, weil er das immer schon so gemacht hat. Scheiß Abriss. Nicht mit ihm. Ist ihm egal, ob die Brücke gesperrt ist, er geht ein letztes Mal drüber…

Leider ist er beim Überklettern des Absperrzaunes alles andere als leise. Ich muss etwas lachen. Die Situation ist zu absurd.

Wir nähern uns dem Ende des dritten Brückenbogens. Endstation, ein Abstieg von hier ist leider unmöglich. Was tun? Meine Abstiegspläne haben sich in Luft aufgelöst. Naja, bleibt nichts anderes übrig als wieder zum Anfang zurückzukehren.

Gesagt getan, wir machen uns auf den Weg. Wie aus dem Nichts entdecke ich etwas beim Rückweg. Eine Leiter? Echt jetzt? [siehe Bild 3] Eine Leiter vom oberen Ende des Brückenbogens ganz runter? Ich sehe nicht, ob die Leiter runterführt, ich sehe nicht, ob sie nicht irgendwo in der Mitte aufhört. Ich weiß nicht, ob sie stabil ist oder bereits verrostet. Ohje. Aber was bleibt übrig. Es muss sich einfach um einen Wartungszugang handeln. Ich gehe vor, es war meine Idee die Brücke zu erklettern, außerdem bin ich schwerer als mein Kollege. Wenn die Leiter bei mir hält, ist sie sicher.

Ich habe ein mulmiges Gefühl. Bitte brich nicht meine alte Dame,meine eiserne Lady, mein quergelegter Eiffelturm von Linz. 😉

Bild 3

Auf der Hälfte des Weges scheppert es, alles wackelt, ich habe mir das Knie an einer Sprosse angeschlagen, ich Tollpatsch. Jetzt sterbe ich deswegen, nach alldem was ich alles geschafft habe. Aber nein, die Leiter beruhigt sich wieder, ich klettere zu Ende. Mein Kollege kommt nach, alles gut. Jetzt runter von der Brücke. Wir gehen gemütlich auf der Mitte der Fahrbahn, wenn man uns jetzt erwischt wäre es uns egal. Was haben wir schon gemacht?

Wir umklettern erneut die Absperrung und treffen meinen Freund. Die ganze Aktion hat etwa 30 Minuten gedauert. Voller Freude und ohne zu begreifen was gerade alles passiert ist, setze ich mich ins Auto und fahre nach Hause. Ich schlafe erst spät ein, wache am nächsten Tag auf. Es wirkt wie ein Traum. Meine rauhen Hände mit Spuren der grünen Brückenbeschichtung beweisen mir das Gegenteil, ich muss lächeln.

Bildrecht – Josef Falkner – Bildrechte – Josef Falkner –  Wikipedia

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